Die Orgel

Vor einigen Jahren hat unser früherer Organist Erich Daub folgenden Artikel im Regenbogen veröffentlicht:

Die Orgel in der Evangelischen Kirche

von Groß-Zimmern

Was für eine Orgel in der evangelischen Kirche von Groß-Zimmern bis zum Jahr 1904 gespielt wurde, ist nicht bekannt. Georg Fritzges, jahrzehntelang Kirchenvorsteher in Groß-Zimmern erzählte oft davon, wie er die Holzteile als Junge habe zersägen helfen. Fest steht, dass im labre 1904. als die katholische Gemeinde ihre eigene Kirche bezog und die Simultankirche verließ, eine neue Orgel von der Firma Bechstein aus Groß-Umstadt aufgestellt wurde. Sie versah ihren Dienst ohne grobe Störungen bis zum Jahr 1963, als die Kasseler Firma Bosch die heutige Orgel baute.

Warum waren alle Beteiligten - Pfarrer Beringer, der Kirchenvorstand, der Organist und viele interessierte Gemeindeglieder so sehr darauf aus, 1963 ein neues Instrument zu bekommen, das mit seinen 37.000.00 DM nicht gerade billig war und von der Kirchengemeinde voll finanziert werden musste?

Die Antwort ist vielfältig: Einmal waren die Windladen und vor allem die Holzpfeifen stark vom Holzwurm befallen; Metallpfeifen hatten teilweise die sog. Zinnpest; es störte, dass die Vorderansicht die Pfeifen nicht zeigte, sondern versteckte ( die Orgel hatte keinen „Prospekt“: die Orgel nahm einen riesigen Platz weg (sie war in ihrer Grundfläche gut ein Drittel größer als die heutige. Wichtiger waren jedoch musikalische Gründe: Auf dem zweiten Manual der Orgel standen ganze vier leise Register, während auf dem ersten Manual 12 sehr laute Register standen; das Pedal war mit nur drei Registern besetzt. Ihm fehlten die oberen drei Tasten. Die Orgel schleppte wegen ihrer pneumatischen Traktur (von den Tasten zu den Pfeifen verliefen Bleiröhrchen, die beim Drücken der Tasten mit Luftdruck die Ventile unter den Pfeifen öffneten und damit den Ton auslösten). Die so genannte Orgelbewegung der zwanziger Jahre hatte diese so genannten „romantischen“ Orgeln mit ihren Registerstimmen, die den Instrumenten des großen Orchesters nachempfunden waren, ins Abseits gedrängt und stattdessen die alte barocke Orgel favorisiert.

Unsere Orgel von 1963 ist ganz im Geist der Orgelbewegung gebaut. Jeder Teil der Orgel, das erste und das zweite Manual und das Pedal stehen auf getrennten Windkästen und in voneinander getrennten Gehäusen, wodurch es möglich ist, die auf ihnen gespielten Melodien gegeneinander abzuheben - bei der alten Orgel war das oft ein Brei, weil alle Töne aus einem Raum kamen. Dadurch dass die Orgelpfeifen auf Einzelkanzellen stehen und die Register über die Schleifen der Schleifladen gezogen werden, wird der Klang der Orgel durchsichtig. Beim Niederdrücken der Tasten wird mechanisch jeweils ein Ventil unter den Pfeifen angezogen, die Luft aus dem Windkasten (der„Windlade“) strömt in die Pfeife ein und der Ton kommt zum Klingen. Das geht so exakt und ohne Verzögerung vor sich wie der Anschlag beim Klavier. Die Orgeln der Barockzeit haben sich als widerstandsfähig erwiesen - viele sind noch erhalten. Es ist bei den modernen Techniken der Holzkonservierung zu erwarten, dass unsere Orgel, wenn regelmäßig gepflegt, Generationen überdauern wird.

Dadurch dass die Register (= Pfeifenreihen, die durch die Form der Pfeifen, ihr Material - Holz oder Metall -, ihre mittlere Länge usw. verschiedene Tonfarben haben) bei der Orgel von 1963 gleichmäßig verteilt sind, sind beide Manuale (Tastenreihen) und das Pedal gleichwertig stark, so dass man beim Triospiel drei verschiedene Klangfärbungen gegeneinander abgehoben, aber doch nebeneinander hören kann. Die Verteilung der Register auf die Manuale ist die folgende (man spricht von „Dispositionen“):

1. Manual(Hauptwerk):

2. Manual (Oberwerk):

Principal 8' Rohrflöte 8'
Gedackt 8' Nachthorn 4'
Oktave 4' Principal 2'
Sesquialtera 2-fach Terzian 2-fach 1 3/5'
Waldflöte 2' Zimbel 3 - 4-fach 2/3'

Mixtur 4 - 5-fach l 1/3'

Rohrschalmei 8'

Pedal:
Subbass 16' Feldflöte 2'

Prinzipalbass 8'

Mixtur 4 - 5-fach 2 2/3'
Oktavbass 4' Fagott 16'

In der Vorderansicht, dem Prospekt, stehen einige Pfeifen des Prinzipal 8'aus dem Hauptwerk, direkt über dem Spieltisch sieht man die Pfeifen des 2. Manuals in seinem Gehäuse, vor das 1980 bei der Kirchenrenovierung auf dringenden Wunsch des Organisten eine Jalousie gesetzt wurde, damit man die Lautstärke dieses „Schnellwerks“ besser variieren kann.

Die Rester Rohrschalmei 8' und Fagott 6' sind sogenannte „Zungenstimmen“, d.h. der Ton in den jeweiligen Pfeifen wird nicht an einer „Lippe“ erzeugt, wie bei den meisten Pfeifen, sondern durch eine in Schwingungen versetzte Zunge innerhalb des Pfeifenkörpers. Das Orgelgehäuse ist nur nach vorne geöffnet. Der Schall trägt sich akustisch gut, weil die heutige Orgel erheblich niedriger steht als ihre Vorgängerin und das Gewölbe des Chorraums stärker als früher für den Widerhall eine Rolle spielt. Die Zahlen hinter den Registern bezeichnen die Tonhöhe der Pfeifenreihe: 8' bedeutet: die tiefste Pfeife ist 8 Fuß lang. Das ist die Normaltonhöhe beim Klavier. 4' bedeutet eine Oktave höher, 2' zwei Oktaven höher, 16' s eine Oktave tiefer als der Achtfuß. Die Bezeichnung 2-fach usw. bedeutet, dass beim Niederdrücken einer Taste nicht nur eine Pfeife ertõnt,sondem zwei Pfeifen, die auf derselben Kanzelle stehen.

Die Orgel in Groß-Zimmern dürfte etwa 600 Pfeifen haben. Diese Pfeifen sind in einer Weise „intoniert“, d.h. auf gleiche Lautstärke behandelt, dass keine Pfeife in einer Pfeifenreihe besonders hervortritt. Durch stärkeres öffnen der Lippen könnte man die Orgel erheblich lauter intonieren. Das würde jedoch zu einem ziemlichen Mißverhältnis mit der Größe der Kirche führen. Es wäre umgekehrt durchaus möglich, eine viel größere Orgel in der Groß-Zimmerner Kirche zu haben, bei der dann die Pfeifenreihen weniger stark intoniert würden.

Zur Funktion der Orgel in der Kirche

In den Gottesdiensten hat die Orgel die Aufgabe, vor allem den Gemeindegesang zu begleiten. Singen gehörte von Anfang an zu den wesentlichen Merkmalen christlicher Gottesdienste und spielt bis heute eine wichtige Rolle, sei es in den Liedern, die die Gemeinde singt, sei es in den „Responsorien“, den Antworten der Gemeinde auf Worte des Pfarrers in der Liturgie.

Daneben muss der Organist sich darum bemühen, der Gemeinde das zu singende Lied durch ein Vorspiel oder durch eine kurze Intonation vorzustellen, sie einzustimmen auf den Gesang. Es gibt dazu eine ungeheure Vielfalt von Choralvorspielliteratur aus allen Jahrhunderten der Kirchenmusik nicht zuletzt aus unserer Zeit. Ein choralgebundenes Vorspiel ist immer wertvoller als ein freies Musikstück. Die freien Kompositionen sollten eigentlich am Schluss des Gottesdienstes stehen - oder eben in kirchenmusikalischen Veranstaltungen, in denen jedoch die Gefahr besteht, dass das Musizieren eigentlich nicht mehr so sehr Teil des Gottesdienstes ist, sondern sich verselbständigt, „Konzert“ wird, das eigentlich in den Konzertsaal gehört.

In letzter Zeit bahnt sich eine Entwicklung an die Beachtung verdient: Immer öfter wird die Orgel herangezogen, selbstfindig Teile der Liturgie zu übernehmen (so wie das in Ansätzen ja „sub communione“, während der Austeilung des Abendmahls, schon immer bei uns Gewohnheit war). Es ist eine gute Sache, dass die Orgel mit ihrer Musik - z.B. eine Meditation der Gemeinde unterstützt, dass sie bei Trauungen mit einem Zwischenstück zum Nachdenken und Ruhigwerden anregt, dass sie mit ihrem Spielen die Aussage eines Bildes unterstützt usw.

Durch die Tatsache, dass der Orgelton durch Luft erzeugt wird, steht die Orgel der menschlichen Stimme nahe, ohne je deren Variabilität erreichen zu können. Das sollte der Gemeinde immer bewusst sein: Die Orgel kann einstimmen und stützen - die weitaus größere Aussage geht von der singenden Gemeinde aus.

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Die "neue" Orgel im Chorraum

Nach dem Tod von Erich Daub kaufte die Ev. Kirchengemeinde Groß-Zimmern dessen private Orgel und stellte diese im Chorraum auf. Sie ließ sich dieses über 40.000 € kosten. Es wäre zu hoffen, dass diese Anschaffung eine Bereicherung für den Gottesdienst sein könnte.

Aber, wie auf dem Bild zu sehen ist, ragt diese in die wertvollen Jugendstilfenster hinein und versperrt so den unmittelbaren Blick auf das Auferstehungsfenster. Für Kunstliebhaber ein gewöhnungsbedürftiger Anblick; denn auch die Orgel selbst ist keine künstlerisch wertvolle Bereicherung des Chorraums.