Die Jugendstilfenster

Die vier Glasfenster, die 1904/5 von Vinzenz Cissarz im Jugendstil entworfen wurden, werden durch das Ornament und die Farben, gestaltet in Form eines Teppichs, inhaltlich zusammengehalten. In drei Zonen wurde jedes einzelne Fenster von unten nach oben unterteilt:
Die I. Zone wird unten beherrscht von Quadraten, in denen die Stifter oder Hinweise auf die Figuren zu finden sind.

Darüber folgt ein abstraktes schmales Band, das in einer volutenförmigen Girlande endet. Diese begrenzt nach unten und oben das Figurenband, das die gesamte II. Zone ausfüllt. Das Zentrum dieser Zone bildet im Osten das große durch einen Dreipass gebildete Auferstehungsfenster mit Christus und den beiden Engeln. Rechts davon sehen wir die Apostel Jakobus und Paulus und links Petrus und Johannes. Für den »normalen« Gottesdienstbesucher nicht einsehbar und auch nur lose mit dem Bildprogramm der drei anderen Fenster verbunden, ist das Reformationsfenster im Süden des Chors mit Martin Luther in der Mitte und den Schirmherrn der Reformation Philipp dem Großmütigen von Hessen und Gustav Adolf von Schweden.

Die III. Zone entspricht in ihrer Gestaltung wieder der ersten, aber mit umgekehrtem Programm. Auf das etwas weiter ausladende Girlandenband, das die Figuren nach oben abschließt, folgt das abstrakte Band in das kleine Scheiben eingearbeitet sind. Sie nehmen Teile des Bildprogramm wieder auf (u.a. Symbole der Trinität).
Ebenso bildet die farbliche Gestaltung ein verbindendes Moment. Mit Hilfe des durchgehenden Grün, wird die Einheitlichkeit der vier Fenster mit ihren figürlichen Darstellungen betont. Dass diese Einheitlichkeit nicht selbstverständlich aus dem Programm hervorgeht, werden wir unten besprechen. Eine weitere dominierende Farbe ist das Gelb und nicht so auffällig das Blau. Während die blaue Farbe nur dezent als Rahmung des Ornaments, über den Häuptern der Figuren und in den Maßwerken der Fensterabschlüsse erscheint, erstrahlt das Gelb von dem auferstehenden Christus hin zu den vier Aposteln.
Was bedeutet nun die Auswahl gerade dieser Farben?
Sie stehen alle unter der Thematik der Auferstehung Jesu: gelb erinnert an das Licht und damit an das Wort Jesu »Ich bin das Licht der Welt«. Es durchstrahlt faktisch unsere gesamte Wirklichkeit. Grün ist das Zeichen der Hoffnung, die mit Ostern in unsere Welt gekommen ist und blau, das über dem Gelb bei der Auferstehung erscheint und sich an den Rändern der Girlanden, Scheiben und Quadraten befindet und die Fenster nach oben abschließt, umrahmt als die Farbe für das Göttliche unsere gesamte Welt.

Den Mittelpunkt bildet, wie gesagt, das Auferstehungsfenster. Es zeigt Christus in dem Moment seiner Auferstehung, umgeben von zwei anbetenden geharnischten Engeln, deren Flügel Christus kreisförmig umgeben. Sie umschließen ihn und den muschelförmigen Strahlenglanz, vor dem der auferstehende Christus sich erhebt. Noch trägt Christus zum Teil seine Leichentücher, aber seine Rechte hat er bereits zum Zeichen des Sieges über den Tod erhoben. Sie berührt mit den Fingern die blaue Fläche oberhalb von ihm, den Himmel, der alles Irdische umschließt.
Die Muschel galt bereits bei den ersten Christen als Erkennungsmerkmal und wurde zum Bild des Grabes, aus dem der Mensch einst auferstehen wird. Christus ist der erste, der aus dem Grab auferstanden ist und wird gleichsam zum Vorläufer aller noch auferstehenden Menschen. Gleichzeitig weist er mit seiner rechten Hand über sich hinaus in den Bereich des Göttlichen: er ist nicht nur Mensch, unser Bruder, sondern auch Gottes Sohn, unser Erlöser.
Weiterhin weist die Hand nach oben in das Netzwerk des Chores, in dem das Lamm mit den vier Evangelisten in ihren Symbolen (Matthäus als geflügelter Mensch, Markus als geflügelter Löwe, Lukas als geflügelter Stier und Johannes als Adler) dargestellt sind. Diese Darstellung weist wieder hin auf das himmlische Jerusalem, von dem Johannes in Offb.5,6ff. schreibt:

»Und ich sah zwischen dem Thron und den vier Wesen und den Ältesten ein Lamm stehen, wie geschlachtet... Und es kam und nahm das Buch aus der Rechten dessen, der auf dem Thron saß. Und als er das Buch genommen hatte, fielen die vier Wesen und die 24 Ältesten vor dem Lamm nieder... und sie singen ein neues Lied und sagen: Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast für Gott durch dein Blut erkauft (Menschen) aus jedem Stamm und Sprache und Volk und Nation und hast sie unserem Gott zur Königsherrschaft und Priestern bestellt, und sie werden auf Erden herrschen.«
So verweist der Gestus Christi über Karfreitag und Ostern hinaus auf das Reich Gottes, das mit Jesu Auferstehung angebrochen ist.

Wenden wir uns den beiden Fenstern mit den vier Aposteln zu.
Es handelt es hierbei um die vier Apostel, die im Neuen Testament und in der Urgemeinde von herausragender Bedeutung waren. Es sind dieses von links nach rechts: Jakobus, Paulus, Petrus und Johannes. Paulus kennen wir alle als den Apostel der Heiden, der mit dazu beigetragen hat, dass die Botschaft Jesu nicht auf Israel beschränkt blieb, sondern in die ganze Welt hineingetragen wurde. Jakobus, Petrus und Johannes sind uns als Gruppe weniger bekannt. Und doch müssen sie zu Jesus ein ganz besonders inniges Vertrauensverhältnis gehabt haben. So nimmt sie Jesus mit auf den Berg Tabor, damit sie bei seiner Verklärung und Gottes
Bekenntnis zu Jesus (»Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören«) unmittelbar Zeuge werden. Und auch andere Erzählungen in den Evangelien beweisen, dass die drei eine besondere Gruppe innerhalb der Zwölf gebildet haben müssen.
Dargestellt werden unsere vier Apostel in traditioneller Weise. Sie stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden, sie gehören dieser Welt an und sind für sie da. Ihr Körper wird erstrahlt von dem Lichtglanz Christi und ihre Köpfe berühren die Wolken und den sternenübersäten Himmel. So verbinden sie durch ihre Person beides: den Himmel und die Erde, Gott und die Welt.
Jakobus wird als Mann mittleren Alters mit einem Stab in der Linken dargestellt. Bei Paulus fällt vor allem das flammende Schwert auf, das auf das zweischneidige, alles durchdringende Wort Gottes hinweisen soll.

Petrus hält in seinen beiden Händen den Schlüssel, eine Anspielung auf Jesu Reaktion auf das Bekenntnis des Petrus (»Du bist Christus«): »Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir des Himmelreiches Schlüssel geben...«
Rechts außen steht Johannes, ein noch recht junger Mann, mit einer Schriftrolle in beiden Händen als Zeichen für die Verkündigung des Wortes Gottes in seinem Evangelium.

Wir haben hier vier Persönlichkeiten vor uns, die besonders durch ihre unterschiedlichen, ja geradezu gegensätzlichen Vorstellungen von dem Leben und der Erlösung der Christen bekannt geworden sind. Während Paulus betonte, dass der Mensch nicht durch die Befolgung des Gesetzes, sondern allein durch den Glauben gerecht wird, betont Jakobus, der auf unserem Fenster neben ihm steht. Glaube ohne Werke sei tot. In diesen beiden Aposteln treffen damit Konflikte aufeinander, die sich durch die Kirchengeschichte ziehen und in der Reformation ihren Höhepunkt erreicht haben. Es geht um das Problem, welche Rolle die sog. »guten Werke« für die Erlösung der Menschen zu spielen haben.
Ornamente halten diese Gegensätze zusammen und lassen sie nicht auseinander laufen. Erst wenn die Positionen der vier Apostel zum Tragen kommen, ist Gemeinde Jesus Christi verwirklicht. Eine Kirche kann und muss mit unterschiedlichen Auffassungen leben können; denn Gott schenkte uns viele, oftmals verschiedene Wege zum Heil. Gerade im Zeitalter der Ökumene sollte uns dieses ein Hinweis sein: Einheit in der Verschiedenheit.
Auch die beiden anderen Apostel sind durch ihre Gegensätze bekannt. Bei ihnen sind es nicht so sehr theologische wie charakterliche Unterschiede. Tatsächlich hat man in Petrus von altersher einen Mann gesehen, der eher der praktischen Seite des Lebens zugewandt ist, der in seinem Denken und Reden erdenschwer und klobig anmutet und mit einem gesunden Sinn für die Realität das Leben nüchtern und praktisch meistert. Demgegenüber gilt Johannes eher als ein träumerisch versonnener Gedankenmensch, der mehr dem inneren Leben zugewandt ist, als ein Mann prophetischer Gesichte und tiefer Offenbarungen. Und beide Seiten, Petrus wie Johannes leben in der Gemeinde und in jedem Menschen.
So repräsentieren unsere vier Apostel unterschiedliche Auffassungen über das Christsein. Und damit spiegeln sie die Wirklichkeit unserer Kirchen und deren jahrhundertealte Auseinandersetzungen. Und es ist von daher nicht verwunderlich, wenn die einzelnen Kirchen in ihrer Theologie die einzelnen Apostel unterschiedlich stark bevorzugten. Die römischkatholische Kirche lehnte sich vorwiegend an Petrus, die orthodoxen Kirchen an Johannes und die evangelischen Kirchen an Paulus an.
Aber die Gestaltung unserer Fenster möchte sicherlich nicht bei der Feststellung der Unterschiede stehen bleiben. Wie wir bereits herausgestellt haben, betont die Gestaltung unserer Fenster nicht die Gegensätzlichkeit, sondern das Verbindende. Farben und Ornamente halten diese Gegensätze zusammen und lassen sie nicht auseinander laufen. Erst wenn die Positionen der vier Apostel zum Tragen kommen, ist Gemeinde Jesus Christi verwirklicht. Eine Kirche kann und muss mit unterschiedlichen Auffassungen leben können; denn Gott schenkte uns viele, oftmals verschiedene Wege zum Heil. Gerade im Zeitalter der Ökumene sollte uns dieses ein Hinweis sein: Einheit in der Verschiedenheit.

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Zum Schluss wenden wir uns der an der Nordseite des Chores gelegenen Taufkapelle zu. Sie fällt uns durch ihre geschlossene Bauweise auf. über einem Quadrat erhebt sich das gotische Kreuzgratgewölbe, das die Grundform in ein Achteck übergehen lässt. Und damit erhält dieser Teil der Kirche mit Hilfe der Architektur eine durch den Zweck bestimmte andere Sinnrichtung. Während wir bei dem Kirchenschiff herausstellten, dass dessen Langform die Bewegung hin zum Chor betonen sollte, stehen wir bei unserer Taufkapelle in einem Zentralbau, wie er vornehmlich in Baptisterien (Taufkirchen) und in der Ostkirche vorherrscht. Der Gläubige bewegt sich nicht mehr auf Gott zu, sondern dieser kommt gleichsam auf ihn hernieder und vereinigt sich mit ihm. Dieses geschah ebenso bei der Taufe Jesus, als sich der Himmel öffnete und Gott rief: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe«. So erleben auch wir es in der Taufe, dass Gott sich uns schenkt und uns zu erneuerten, wiedergeborenen Menschen macht.
Dieses Ineinandergreifen von Göttlichem und Menschlichem bringt die gotische Architektur in ihrer Zahlensymbolik zum Ausdruck. Das Viereck ist für die Christenheit das Symbol für diese irdische Welt. Viele Beispiele aus der Bibel und der Kirchengeschichte zeigen uns dieses, z.B. die vier Jahreszeiten, die vier Paradiesflüsse, die vier Kardinaltugenden, die vier Himmelsrichtungen usw. Auch die Grundform des himmlischen Jerusalem ist das Quadrat.

In diesem Quadrat spielt sich das Leben des Menschen ab, und die Taufkapelle soll auf der unteren Ebene uns als Glieder dieser Welt charakterisieren. Wenn nun dieses Viereck langsam in ein Achteck übergeht, erscheint damit ein Abbild der Seligkeit der kommenden Welt. Die Zahl acht bedeutet den achten Schöpfungstag, an dem mit der Auferstehung Jesu eine neue Schöpfung beginnt, in die der Täufling durch das Tauchbad hineingenommen wird. Noch in dieser Welt wird der Mensch vorbereitet auf das neue Leben, wo Gott sich mit den Menschen im himmlischen Jerusalem vereinigt.

Zwei kleine Fenster schmücken die Kapelle. Das kleinere, nach Osten ausgerichtete Fenster weist auf einem teppichartigen Hintergrund, wie ihn der Jugendstil bevorzugte, in einem Kreis eingeschlossen zwei Hirsche, die sich einer Quelle nähern. Auf einem grünen Hintergrund erhebt sich eine Brunnenschale, die ihr Wasser anscheinend von oben erhält, von dessen Fülle die Erde benetzt wird. Mit dieser Symbolik nimmt der Künstler eine alte Tauftradition auf, wie sie auf frühen Taufbecken zu finden ist. Im Mittelpunkt steht das Psalmwort: »Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, schreit meine Seele, Gott, zu dir.« Die christliche Gemeinde hat darin schon sehr früh eine Beziehung zu Jesus hergestellt: das Wasser der Quelle als lebenbringendes Element, dieses unterstreicht auch die Dominanz dergrünen Farbe als Zeichen der Hoffnung.

Abgerundet wird das Programm durch das zweite Fenster, das nach Norden gerichtet ist. In dessen Bogen sehen wir die Taube, wie sie gleichsam vom Himmel aus den Händen des Vaters herabschwebt und sich auf Christus, symbolisiert durch die beiden Kreuze mit der Dornenkrone und dem Christusmonogramm, senkt. Für die ersten Christen war dieses die Schlüsselszene am Beginn der Wirksamkeit Jesu, als sich bei der Taufe Jesu der Geist Gottes im Symbol der Taube auf Christus herabsenkte und ihn damit zu Gottes Sohn machte. In seiner Nachfolge werden wir durch die Taufe zu Kindern Gottes. Gott nimmt uns an, wie er sich zu seinem Sohn bekannt hatte, und schickt uns mit seinem Auftrag in diese Welt.

Text und Abbildungen von Horst Schwarz